Boeing Boeing

Schwetzinger Zeitung vom 02. November 2006

Spielerisch die Lust am Lustspiel entdeckt

Theatergruppe "Rampenlicht" präsentierte "Boeing Boeing" /Ausvekaufter Saal an drei Tagen

 

KETSCH Was wäre das Lustspiel ohne das berühmte amerkanisch-verkitschte "Happy End"? Für das Ensemble der Schauspielgruppe Rampenlicht, sicherlich kein erstrebenswertes Ziel, wäre am Ende ihres brilliant präsentierten und gespielten Lustspiels Boeing Boeing kein solches Ende mit viel Zuckerguss gestanden. So konnten sich am Ende von jeweils dreimal 120 Minuten - das "Rampenlicht" hatte an drei Tagen  das Ferdinand-Schmid-Haus eingeladen - die Protagonisten in die Arme fallen, Tränen der Leidenschaft vergossen werden, filmreife Küsse von Mund zu Mund wandern und so die Zuschauer in den zurecht so berühmten Bann ziehen.

 

Mit dem als Klassiker unter den modernen Lustspielen geltenden Stück Boeing Boeing hatten sich die Mitglieder des Theaterensembles für einen Schritt in unbekanntes Terrain entschieden, galt ihr Herz doch bisher den Kriminalstücken. Ein Schritt, der gut gewählt war, wie der tosende Applaus bereits am Premierenabend bewies. Das Lustspiel, so weiß man spätestens seit dessen Aufkommen im 18. Jahrhundert, gilt als angesiedelt zwischen Posse und Schwank. Seine Wirkung erzielt das Lustspiel durch eine verfeinerte Komik, die sich bewusst im Dialog widerspiegelt.

 

Als Thema wird oft genug das bürgerliche Leben, die Liebe und ihre Triebe verwendet. Ein Hintergrund der auch für das Stück von Marc Camoletti gilt, welcher in den 60er-Jahren mit Boeing Boeing seinen Durchbruch als Autor erzielte. So intensiv, dass selbst Hollywood den Stoff verfilmte und nun auch Ketsch einen Einblick in das Seelen- und Liebesheil des Innenarchitekten Bernard (Dirk Berger in einer Paraderolle) erheischen durfte. Gleich drei Frauen ließ sich dieser in sienen Terminkalender schreiben: die männermordende Amerikanerin Janet (glänzend besetzt mit "Neuzugang" Jessia Rohr), die elegante und von Eifersucht geplagte Französin Jacqueline (bestens interpretiert duch Ilona Fischer-Volk) und die stürmische Schweizerin Judith (mit Bravour dargestellt von Gabi Neidig). Ihnen gemeinsam ist der Beruf: Sie arbeiten als Stewardessen. Für Bernard die perfekte Liaison, denn so muss er nur die Flugpläne im Kopf behalten, um sich selbst in seiner Leidenschaft nicht in die Quere zu kommen: "Mach's doch wie ich: Du hast alle Vorteile einer Ehe, aber keine Nachteile. Ich habe drei Verlobte. Weniger wäre langweilig, mehr wäre ermüdend. Moralisch? Iwo, ich habe den Vorteil eines Harems in Paris."

 

Wer oder was allerdings dazwischen kommt ist en neues Fluggerät, welches alle drei Stewardessen begeistert und damit sämtliche Pläne von Bernard durcheinander bringt. Just zu jenem Zeitpunkt, als sein Freund Robert (sensationell: die Mimik von Achim Mairle) aus der Provinz anreist, um seinem Junggesellendasein ein Ende zu bereiten. Der Start und Garant für viele Verwicklungen wie die Zuschauer vermuten durften. Der Startschuss fiel, als sich Janet verabschiedet, Judith sich verspätet und Jacqueline sich für den neuen Flugplan entscheidet. Auf einmal ist der "richtige Dreh" des Bernard eher ein leidenschaftlichs Liebes-Perpetium-Mobile, welches zum letzten Schlag auszuholen ansetzt. Haushälterin Berthe (mit genialer Übezeugungskunst: "Das ist kein Leben für ein anständiges Dienstmädchen" spielte dieses Conny Faulhaber) versucht den Überblick zu behalten, bereitet Lieblingsspeisen, räumt Bilder vom Sideboard und entdeckt ihre Leidenschaft für die Entspannung mittels eines Gläschens Cognac. Robert indes beobachtet, rettet Situationen und verfällt dem Geschmack der liebestollen Großstadt Paris, in welcher die Szenerie sich vorfinden lässt. Mit leidenschaftlichem Blick erobert er Judith, während der feinsinnige Dirk Berger seinen "Bernard" weiter durch die Emotionen treibt, die Blicke seines Publikums in die Seele eines Charmeurs und Lebemannes entführt. Die Grazie der Stewardessen, fragt sich da das Publikum: ob der im realen Leben als Flugbegleiter arbeitende Berger seine Kolleginnen so gut studieren konnte? Kritische Situationen in jedem Fall ergeben sich so viele: Verwicklungen rund um Taschen, die vergessen wurden, gefüllte Badewannen, die genutzt werden wollten und Ausflüge die keine der Damen machen wollte.

 

Für Robert zunehmend ein Spiel der Leidenschaft, wandelte er sich doch vom Provinz-Ei zum Pariser Großstadtbeau und ließ so seinen "Schauspieler" Achim Mairle das Publikum zu einem wahren Freudengeheul anstimmen, als sich grobe Wolle in feinsten Zwirn verwandelte und das Lippenspiel à la Billy Idol kein Frauenherz in gleichmäßigem Rhytmus schlagend hinterließ. "Ich sehe gefährlich aus", atmete er in den dunklen Saal. Bernard indes geriet in einen Wirbel der Leidenschaften: "Ich fühle mich wie ein Zeitzünder und jederzeit kann die Bombe hochgehen." Kein Grund zur Panik, befand Robert, der sich inzwischen gerne mit dem Stewardessen-Vermittler via Telefon unterhielt und selbst "ein Hindumädchen und eine Vietnamesin" orderte, denn mit der Schweizer Fluglinie steht er schon in Kontakt." Schließlich hatte er nach rund 118 Minuten Lustspiel das Herz der Judith erobert, sich Janet für einen reichen Texaner entschieden und Bernard entdeckt, dass "man wirklich nur glücklich werden kann mit nur einer Frau." Die hieß in diesem Falle Jacqueline. Glücklich auch die Haushälterin Berthe, für deren Darstellung Conny Faulhaber einen kleinen Preis verdient hätte. Ebenso wie ihre Mitakteurinnen, die in monatlanger Probenarbeit ihren schwyzer, amerikanischen und französischen Akzent so perfektionierten, dass es viele Fragezeichen auf den Gesichtern des Publikums gab: War Ketsch denn nun der Nabel der Welt geworden?

 

Anke Koob / Schwetzinger Zeitung

 

 

 

 

 

 

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