Der 75. Geburtstag

Schwetzinger Zeitung vom 15. April 2008

Wenn die liebe Familie ein Fest feiert...

 

Theatergruppe "Rampenlicht": An drei Tagen begeisterten die talentierten Schauspieler im Ferdinand-Schmid-Haus

 

KETSCH Zwischenapplaus und nicht enden wollende Bravo-Rufe am Ende aller drei Vorstellungen: Die Theatergruppe Rampenlicht hat am Wochenende einmal mehr bewiesen, dass sie ihr Handwerkszeug versteht und das Publikum humorvoll zu unterhalten weiß.

 

Lokalkolorit mit Dialekt

Zur passenden Einstimmung auf die kurzweilige Darbietung begrüßt Gisela Stratthaus die Zuschauer und "klärt uff" mit gereimten, heiteren Versen: "wer wen spielt und was wer macht". Dann heißt es "Vorhang auf" und die Bühne bietet schmeichelhafte Einblicke in ein heimeliges Esszimmer: mit Bildern an den in zartem Orange tapezierten Wänden, mit Blumen und Pflanzen, Kommoden und Schränken. Mit spürbarer Liebe zum Detail eingerichtet, vermittelt der Raum den Eindruck, schon lange bewohnt zu sein. Die geschmackvoll arrangierten Requisiten schmiegen sich harmonisch in ihre Umgebung und machen es dem Publikum leicht, sich gleichsam in die Handlung zu stürzen.

 

Diese beginnt - scheinbar - beschaulich: Jochen Breimeier (Dirk Berger) sitzt am Esszimmertisch und liest seelenruhig die "Schwetzinger Zeitung". Wäre da nicht Ehefrau Luise (Gabi Neidig), die geschäftig hin und her läuft, könnte man vermuten, dass es ein ganz normaler Tag einer ganz normalen Familie in Ketsch sei. Doch es dauert nur wenige Minuten und der Zuschauer erahnt, was ihn erwartet: Oma Breimeier feiert ihren 75. Geburtstag. Viele Gäste werden erwartet und Luise möchte, dass es ein perfekter Tag wird - in Anbetracht der verschiedenen Charaktere in ihrer Familie kein einfaches Unterfangen: Opa Breimeier ist "hinter jedem Rock her", Oma und Opa sprechen nicht miteinander, Tochter Birgit ist überraschend aufgeklärt und hat längst das "andere Geschlecht" entdeckt, Luise und Jochen planen, die Großeltern ins Altersheim "abzuschieben" und Luises Freundin Rosa Unglück flirtet mit Jochen. - Und dann kommen auch noch die Pfarrerin und Frau Bürgermeister zu Besuch!

 

Das Theaterstück Der 75. Geburtstag von Walter G. Pfaus lebt von den spielerischen Verwicklungen rund um den Geburtstagstisch. Von der Theatergruppe Rampenlicht in die Enderlegemeinde verlegt, darf heftig im Ketscher Dialekt gesprochen werden (nur Gabi Neidig muss sich ans Hochdeutsche halten, denn Luise Breimeier stammt aus Hannover) und so ist es selbstverständlich, dass es sich bei dem Altersheim um jenes in der Ketscher Parkstraße handelt.

 

Hohe Schauspielkunst

Die Wahl der jeweiligen Rollen ist überaus geglückt. Dirk Berger mimt in expressiver Körpersprache den Vater, der einerseits nicht aus der Ruhe zu bringen ist, andererseits frech die Gelegenheit nutzt, die hübsche Rosa zu küssen: "ein Auftrag von Papa". In unübertroffener Komik präsentiert sich Dirk Berger später als betrunkener Ehemann, der lallend und kichernd durchs Esszimmer schwankt.

Ebenso überzeugend Gabi Neidig als Ehefrau Luise: Mit Bravour meistert sie die Dauerpräsenz auf der Bühne und das umfangreiche Textrepertoire. Ihre Nörgelei, ihr Drang, den Tag gut überstehen zu wollen, und ihr unermüdliches Bestreben, in alles und jedes Ordnung hineinzubringen, wirken zu keiner Zeit aufgesetzt, sondern sehr real - Schauspielkunst auf hohem Niveau.

Dieses anspruchsvolle Level hält auch Oma alias Gisea Stratthaus. Mit "verknittertem" Gesichtsausdruck, eigenbrötlerisch und starrsinnig mimt sie das Geburtstagskind und lässt keinen Zweifel daran, dass sie weiß, was sie will: "schmutzige Witze" von der Frau Bürgermeister hören... - Und Opa? In dieser Rolle glänzt Achim Mairle, der gebückt, am Stock gehend, den alten, schwerhörigen Mann spielt, der gerne im Mittelpunkt steht. Und beim Anblick der schönen Rosa erwachen im Nu die Lebensgeister und seine Hand findet sogleich den Weg zum berühmten Klapps auf den Po.

 

Theater vom Feinsten

Die Rolle der Tochter füllt Jessica Rohr eindrucksvoll aus: Mit vielsagendem Lächeln bietet sie ihren Eltern die Stirn und bleibt dennoch der ausgleichende Ruhepol zwischen den beiden. Jessica Rohr vereint in ihrem gelungenen Spiel beides: das brave Töchterlein ebenso wie die emanzipierte, aufgeklärte junge Frau. Respekt!

Lasziv, feminin und mit unwiderstehlich erotischem Augenaufschlag agiert Ilona Fischer-Volk als Rosa Unglück auf der Bühne und verdreht manchem Mann den Kopf. Ihr zuzusehen: pures Vergügen. Eine Bereicherung ist auch Brigitte Scherer, die erstmals mit dabei ist und als moderne, sympathische Pfarrerin in Motorradfahrer-Kleidung ein überzeugendes Debüt gibt.

Und Conny Faulhaber! Die Rolle der Bürgermeistern ist ihr auf den Leib geschneidert. Enthusiastisch legt sie sich ins Zeug, um ihre Geburtstagsansprache zu halten, die jedoch - durch ständiges Zwischenreden aller Gäste - nicht zu Ende gebracht wird. Stattdessen erzählt sie locker-flockig einen "schmutzigen Witz", wie von Oma gewünscht.

Wortspiele, pointierte Situationskomik, Irrungen und Wirrungen zwischen den Generationen: Auf der Bühne vereinen sie sich zu einer schwungvollen Darbietung, an deren Ende nicht nur Oma und Opa straheln, weil sie nach Teneriffa fliegen, sondern auch das Publikum, weil es zwei Stunden lang Theater vom Feinsten erleben durfte.

 

Sabine Janson/Schwetzinger Zeitung

 

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