Mitternachtsspitzen

Schwetzinger Zeitung, Mittwoch, 28.01.2015

Die "Rampenlichter" proben schon fleißig im Ferdinand-Schmid-Haus (v. l.): Jessica Rohr, Lars Wilhelm, Dirk Berger, Eric Sasse, Alexander-Falco Sturm, Sonja Keller, Verena Seppich, Gisela Stratthaus und Peter Listing.

KETSCH. Bremsen quietschen, eine junge Frau schreit auf, ein Bus hält an. Frösteln überkommt einen in einer der ersten "Rampenlicht"-Proben zum neuen Stück "Mitternachtsspitzen". Angst verzerrt die Mienen der Akteure, überdreht spitz und hoch tönen die panischen Sätze: "Ich seh' ihn" oder "Ich hab' Angst davor, hier zu bleiben". Manchmal erklingt auch einfach der Name "Ash" und jagt einem einen Schauer über den Rücken, außerdem ist die Heizung im Ferdinand-Schmid-Haus noch nicht in Fahrt.

 

Stoisch ruhig meldet sich eine eindringliche Männerstimme, versucht die Stimmung zu beruhigen, erreicht jedoch das Gegenteil. Das neue Theaterstück von "Rampenlicht" verspricht an acht Abenden beste Unterhaltung mit einem Hauch Dekadenz, mysteriösen Geschehnissen, Morddrohungen und Unverständnis für eine verwöhnte Frau und beängstigenden Bedrohungen für ihr Leben.

 

Eine Frage drängt sich gleich auf: Wechselt Rampenlicht nicht immer zwischen Komödie und Kriminalstück? 2014 sorgten die Akteure doch erst mit "Appartement mit eigenem Mord" für schaurig gute Unterhaltung an acht Abenden. Wer denkt nicht gern an die Spannung zurück, bis die Leichenteile alle gefunden waren? Regisseur und Hauptdarsteller Dirk Berger, der die "Rampenlichter" leitet, klärt auf: "Wir mussten einfach die zweite deutsche Theatergruppe sein, die sich an 'Mitternachtsspitzen' herantraut und dieses anspruchsvolle Stück auf die Bühne bringt."

 

Kurz dazu: "Mathilda shoutet Fire" lautet der Originaltitel des Bühnenstücks von Janet Green, die Grundlage für den bekannten Film "Mitternachtsspitzen" (1960) mit Doris Day. Frank Thannhäuser, Intendant des Hamburger Imperial-Theaters, das sich mit der Maxime spannungsgeladener Stücke als erfolgreichstes deutsches "Krimitheater" profiliert hat, übersetzte das englische Original ins Deutsche. Im März 2014 war Premiere auf der Reeperbahn - umjubelt und hochgelobt.

 

Dirk Berger überzeugt

Das war der Ansporn für Berger, seine Mitstreiter, die sich längst über das Attribut "Laien" hinaus entwickelt haben, für das Stück zu begeistern. Ein wenig zögerlich reagieren die Schauspieler auf die diesbezügliche Nachfrage in die Runde: "Ja, Dirk ist eben sehr überzeugend." Dann lachen alle. Dabei sitzen sie im Stuhlkreis vor der Bühne. Noch deutet nichts auf die zu erwartende Szenerie in London, im nebeldurchzogenen Park und noblen Appartement hin.

Textbücher mit markierten Seiten und bunt hervorgehobenen Textpassagen liegen auf den Beinen. Vieles müssen die Schauspieler noch ablesen - es ist, wie gesagt, eine der ersten Proben. Und doch schaffen es Sonja Keller (Lesley Paul), Dirk Berger (Max Paul), Jessica Rohr (Tante Bee), Verena Seppich (Peggy Thompson), Peter Listing (Fenton), Jürgen Abel/Eric Sasse (Eddy), Lars Wilhelm (Ash), Gisela Stratthaus (Nora) und Alexander-Falco Sturm (Malcolm) schon jetzt die Spannung zu erzeugen, die ein guter Krimi braucht, um bis zum Schluss zu fesseln.

Langsam erledigt auch die Heizung ihren Dienst, doch auch die Köpfe laufen warm. Wie bringt man seitenweise Text so ins Gedächtnis, dass er passgenau abgerufen werden kann? Immerhin sind es nur noch knapp 12 Wochen bis zur Premiere am Freitag, 8. Mai, 20 Uhr. Jeder hat so sein eigenes Verfahren, sich die Phrasen einzuprägen: Gisela Stratthaus etwa übt vor dem Spiegel: "Da sehe ich gleich, ob die Mimik auch passt." Sonja Keller liest abends im Bett; Lars Wilhelm mag es früh und studiert seine Passagen bei der Frühstückszubereitung morgens um 7.30 Uhr. Alle zusammen haben den Text bereits auf ihre Mobiltelefone aufgenommen, Peter Listing wählt die Ohrhörer und lässt sich berieseln.

Manuskript klebt am Spiegel

Verena Seppich hat das Manuskript am Spiegel kleben und merkt sich ihre Sätze beim Zähneputzen, während Alexander-Falco Sturm hauptsächlich in den Proben lernt und Jessica Rohr ihre Kollegen mit dem Text bombardiert: "Die wissen Bescheid, 'sie übt wieder' ist dann die Reaktion." Dirk Berger hat das Textbuch immer dabei. Als Flugbegleiter hat er oft Zeit zwischen Hin- und Rückflug: "Dann liege ich im Flieger und lese." In den kommenden Wochen wird das Bühnenbild gebaut, die Kleidung fürs Stück, das in den 50er Jahren spielt, gesucht - und dann geht es auch für die Schauspieler in die Endphase, damit der Traum, als zweite deutsche Theatergruppe überhaupt die "Mitternachtsspitzen" aufzuführen, wahr wird.

Im Vorverkauf kosten die Karten 7 Euro und sind bei der Gemeindebücherei Ketsch, bei Uhren-Schmuck-Optik Krupp, bei Buch- und Manufakturwaren und bei Bäckerei & Konditorei Flörchinger zu bekommen.

Ketscher Nachrichten 14.05.2015

 

Improvisation heißt das Zauberwort: Auf unterschiedlichste Situationen schnell reagieren zu können, ist für die Hobby-Schauspieler der Ketscher "Theatergruppe Rampenlicht" unabdingbare  Voraussetzung. Dass die Mitwirkenden in Sachen Spontaneität bestens „trainiert“ sind, zeigt sich einmal mehr bei den Proben. Fröhlich und harmonisch geht es zu, es wird gelacht, die Atmosphäre ist entspannt - und dennoch zeigen alle Darsteller höchste Konzentration.

Bevor der erste Akt geprobt wird, gilt es noch, die eine oder andere Frage zu klären. Jedes Detail ist wichtig! Wer hat Schuhe in der passenden Größe für Sonja Keller, die als Lesley Paul in einer Hauptrolle agiert, und welches Kleid soll sie anziehen? „Es muss rot sein!“, betont Dirk Berger, Gründungsmitglied, Regisseur und Hauptdarsteller. „Ich habe keinen Kamelhaarmantel! Kann ich auch einen anderen Mantel anziehen?“, ruft Gisela Stratthaus dem Team zu. „Klar!“, lautet die Antwort, „so viel Flexibilität muss sein!“
Auf der Bühne werden unterdessen die „Requisiten“ aufgestellt – Improvisation heißt wiederum das Zauberwort! Zwar stehen die von Peter Listing und Gunnar Wagner neu gebauten, leichten und gut wandelbaren Kulissen am hinteren Ende des Saales bereits an der Wand, aber mit dem Aufbau wird erst in den nächsten Tagen begonnen. Zur Probe werden mit Fantasie und Leidenschaft mehrere Stühle, ein Tisch und eine Treppe auf die Bühne gestellt. „Wir befinden uns in einer Londoner Stadtwohnung, hier haben wir die Couch und einen Sessel, dort ist das Fenster, hinter uns geht es in die Küche...“, schmunzelt Dirk Berger, während er auf die „kargen“ Gegenstände und das imaginäre rote Telefon blickt, das Jessica Rohr mit ihrer Stimme läuten lässt.

„Ruhe bitte!“ Es geht los. Ohne Unterbrechung gelingt der erste Akt. Die sympathischen Schauspieler zeigen sich textsicher und bei kurzem Zögern hilft die Souffleuse aus. Mit spürbarer Freude und Begabung schlüpfen die Darsteller in ihre Rollen. Dass Übung bekanntlich den Meister macht, steht auch hier außer Frage. Doch da die Akteure nicht hauptberuflich auf der Bühne stehen, sondern die Schauspielkunst als Hobby betreiben, muss auch im Alltag oftmals improvisiert werden, um sich auf die jeweilige Rolle vorbereiten zu können. Dirk Berger beispielsweise ist Flugbegleiter und hat das Textbuch auf Langstreckenflügen immer dabei, um in den Pausen oder im Hotel zu lernen. Sonja Keller hat als Grundschullehrerin einen vollen Terminplan, deshalb nutzt sie die Zeit beim Bügeln, um Texte zu rezitieren. Jessica Rohr läuft in der Mittagspause - zwischen Steuererklärungen - emsig hin und her und versetzt sich in ihre Rolle als Tante Bee. So hat jeder sein eigenes „System“, wie er sich die Texte am besten einprägen kann. Gisela Stratthaus übt vor dem Spiegel, Verena Seppich auf der Terrasse, Peter Listing beim Spazierengehen und Alexander Falco Sturm „am liebsten einfach während den Proben!“

Zweite Darbietung in Deutschland

Das Theaterstück „Mitternachtsspitzen“ aus der Feder von Janet Green erschien im Jahr 1959 und wurde 1960 - mit Doris Day und Rex Harrison in den Hauptrollen - verfilmt: Der Thriller zählt heute zu den Klassikern der Filmgeschichte. Doch erst im Jahr 2014 wurde er für deutsche Bühnen übersetzt und in Hamburg uraufgeführt. Die Theatergruppe "Rampenlicht" sorgt nun dafür, dass dieses Stück zum zweiten Mal auf einer deutschen Bühne gespielt wird: und zwar im Ferdinand-Schmid-Haus in Ketsch!
Über die Handlung sei nur so viel verraten: Lesley Paul erhält Todes-Prophezeiungen per Telefon. Da Lesley schon als Kind gerne zur Lüge griff, glaubt jedoch niemand an die mysteriösen Anrufe. Ob ihr Leben tatsächlich in Gefahr ist? Oder hat sie sich ein perfides Spiel ausgedacht? Als das Stück vor 56 Jahren erschien, war in der Ankündigung zu lesen:„Das Ende führt zu einem der gruseligsten und aufregendsten Höhepunkte, die jemals für das Theater geschrieben wurden. Niemand wird auf die Auflösung kommen - aber ebensowenig wird man sie vergessen.“ Wer es erleben möchte, sollte die Inszenierung nicht versäumen! sas

Vorstellungen: 8. und 9. Mai um 20 Uhr, 10. Mai um 16 Uhr, 13., 14., 15. und 16. Mai um 20 Uhr sowie 17. Mai um 16 Uhr.
Vorverkauf: Gemeindebücherei, Goethestraße 22, Buch und  Manufakturwaren, Hockenheimer Straße 34, Uhren-Schmuck-Optik Krupp, Enderlestraße 29, Bäckerei Flörchinger, Enderlestraße 1.


" THEATERGRUPPE RAMPENLICHT"

  • Im Januar 2002 gründeten Dirk Berger und Gabi Houschka-Weber die Theatergruppe "Rampenlicht"
    Innerhalb kurzer Zeit gelang es ihnen, begeisterte Mitglieder zu gewinnen. Die erste Aufführung im
    März 2003 mit dem Kriminalstück „Die Mausefalle“ von Agatha Christie sorgte gleich zweimal für ein ausverkauftes Ferdinand-Schmid-Haus, so dass kurzfristig eine Zusatzvorstellung organisiert wurde.
  • Der Erfolg der Gruppe setzte sich unermüdlich fort: Ob bei knisternder Spannung in weiteren Stücken von Agatha Christie oder bei komödiantischer Heiterkeit in einer Boulevardkomödie oder einem Lustspiel: Die talentierten Schauspieler verstanden es immer wieder aufs Neue, ihr Publikum zu begeistern.
  • Mittlerweile hat "Rampenlicht" ein Team von rund 30 Darstellern und gastiert mit dem aktuellen Stück „Mitternachtsspitzen“ achtmal im Ferdinand-Schmid-Haus! sas

 

Schwetzinger Zeitung 11.05.2015

Auf der Bühne: Eddy (Eric Sasse), Geldeintreiber für das Wettbüro von Max Paul (Dirk Berger, Mitte), und der Manager der Firma, Fenton (Peter Listing).

KETSCH. Ohne Zweifel - was die "Rampenlichter" da auf die Bühne bringen, hat Klasse. Die Tatsache, dass sich die Ketscher (Laien-) Schauspieler als zweites deutschsprachiges Ensemble überhaupt an den schwierigen Stoff der "Mitternachtsspitzen" von Janet Green heranwagen, fordert auch dem Zuschauer Mitdenken ab. Bis sich am Ende der zwei Akte in fünf Szenen die Situation unerwartet auflöst, steigt die Spannung unaufhörlich.

 

Eingestreute Infos zu den Hauptakteuren liefern Puzzlestücke, die am Schluss doch ganz anders zusammengefügt werden müssen. Die Basis der Geschichte: Lesley (Sonja Keller), die junge, attraktive Frau des erfolgreichen Buchmachers Max (Dirk Berger), erhält Morddrohungen. Allerdings nahm sie es schon in ihrer Jugend mit der Wahrheit nicht ganz so genau, nutzte kleine Lügen, um ihren Willen durchzusetzen. Ergo glaubt ihr niemand mehr. Tante Bee (Jessica Rohr) schürt diesen Unglauben mit cleveren Phrasen.

 

Suspekte Kleidungsstücke

 

Freundin Peggy (Verena Seppich) hat Verständnis für Lesleys Nöte. Bees Sohn Malcolm (Alexander Falco Sturm) lässt Lesley immer wieder spüren, dass ihr niemand glaubt. Eddy (Eric Sasse/Jürgen Abel) ist ein fieser Schuldeneintreiber im Familiengeschäft um Wetten. Fenton (Peter Listing) verdient sein Brot als Manager des Wettbüros, in dem auch Max arbeitet. Im Stillen verehrt er Lesley, die Frau seines Chefs, und schlüpft ein wenig in die Beschützerrolle. Nora, die Frau von der Reinigung (Gisela Stratthaus), mischt das Geschehen immer wieder mit dem Abliefern von diversen suspekten Kleidungsstücken auf.

Als "Ash" (Lars Wilhelm) auftaucht, verdichtet sich der Verdacht, er könne hinter den mysteriösen Anrufen mit Singsang-Stimme stecken. Dann sind da noch die Stimmen aus dem Off - Elliot, der eine Menge Geld beim Wetten verloren hat, und Johnson (Daniel Achtstätter), der als Bauarbeiter einiges beobachtet. Fakt ist: Keiner bekommt die Telefonate mit dem angeblichen Bedroher live mit. Alle glauben, dass Lesley nur wieder lügt, um Aufmerksamkeit und die versprochene Reise nach Venedig zu erhalten. Kein Mimikrutscher, Texthänger oder falscher Einsatz der Akteure lassen ein vorschnelles Erkennen der Situation zu - für ihre perfekte Inszenierung ernten die "Rampenlichter" stehenden Applaus: "Das habe ich noch nicht erlebt", ist Dirk Berger (Regisseur und Hauptdarsteller) aus dem Häuschen und freut sich auf weitere fünf Vorstellungen, zu denen es noch Restkarten unter www.theatergruppe-rampenlicht.com gibt.

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